
Die Initiativen der Europäischen Union zur Förderung grenzüberschreitender Mobilität im Bildungsbereich reichen bis über das Jahr 1986 zurück. Seit jedoch im Jahr 2000 in der Lissabon-Agenda beschlossen wurde, die Grenzen der europäischen Arbeitsmärkte durchlässiger, Arbeitskräfte mobiler und Europa insgesamt wettbewerbsfähiger zu machen, ist die Förderung von Mobilität in Schule, Ausbildung oder Studium zentraler Bestandteil der bildungspolitischen Strategie der Europäischen Union geworden. Zur Förderung der "Mobilität zu Lernzwecken" hat die Europäische Kommission 2009 ein Grünbuch herausgegeben. Neben der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft werden von Auslandsaufenthalten u.a. auch positive Wirkungen auf die Employability des Einzelnen erwartet. Zudem wird davon ausgegangen, dass Auslandserfahrungen zu einem Klima der Aufgeschlossenheit gegenüber Menschen aus fremden Kulturen beitragen (Europäische Kommission 2009).
Unternehmen in einem zusammenwachsenden Europäischen Wirtschaftsraum, der sich global behaupten will, sind auf Mitarbeiter angewiesen, die über internationale Kompetenzen verfügen. Dies gilt nicht nur für Manager in großen Unternehmen, sondern auch für Facharbeiter, Meister und Gesellen in kleinen und mittelständischen Betrieben. Von Vertretern aus Wirtschaft und Politik wird darauf hingewiesen, welche neuen Anforderungen sich aus der zunehmenden Internationalisierung ergeben:
(Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks)
Dadurch [durch die zunehmende Internationalisierung] besteht für die Betriebe wachsender Bedarf an Fachkräften, die die Fähigkeit besitzen, in einer mehrsprachigen Umgebung zu lernen und zu arbeiten und dabei Kenntnisse über fremde Märkte, Arbeitspraktiken und Mentalitäten zu erwerben. Diese Kompetenzen lassen sich am besten im Rahmen von Auslandsaufenthalten aneignen.
Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Andreas Storm, MdB, 01.10 2009, www.bmbf.de, Aufruf am 03.10.2009
Ein Großteil der deutschen Unternehmen wird nur dann wettbewerbsfähig sein können, wenn sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, die mit ausländischen Partnern kommunizieren und kooperieren können. Dies gilt mittlerweile ebenso für klein- und mittelständische Unternehmen wie für das Handwerk.
Grenzüberschreitende Mobilität in Schule, Ausbildung und Studium ist geeignet, die Bereitschaft zu Auslandseinsätzen der Arbeitnehmer zu fördern und die Voraussetzungen hierfür zu schaffen. Die zitierten "internationalen Kompetenzen" – sich in einer anderen sprachlichen und kulturellen Umgebung zurechtzufinden, sich flexibel an andere Anforderungen und neue Kollegen anzupassen, etc. – können am besten im Rahmen von Auslandsaufenthalten bereits während Ausbildung und Studium erlernt werden.
Von der Europäischen Union werden zahlreiche Programme aufgelegt, die grenzüberschreitende Mobilität zu Lernzwecken fördern; auch von einzelnen Mitgliedsländern werden Mittel für Mobilität aufgebracht; allerdings längst nicht von allen und europaweit in eher marginalem Umfang. Ohne die Intervention der EU wäre das Engagement in Mobilität nicht zu leisten.
Sieht man sich jedoch den „Return of Investment“ an, so fällt die Bilanz eher negativ aus: So nahmen im Jahr 2006 europaweit lediglich 310 000 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 29 Jahren an EU-Mobilitätsprogrammen teil, das ist eine Quote von gerade 0,3 %. Zieht man in Betracht, dass in dieser Quote auch die Mobilität von Studenten eingeschlossen ist – im gleichen Zeitraum haben allein am Mobilitätsprogramm für den Hochschulbereich ERASMUS 159 000 Studenten teilgenommen – so fällt die Bilanz für die berufliche Bildung noch einmal negativer aus.
Auffällig ist nach wie vor die Zurückhaltung der Unternehmen, ihre Auszubildenden oder Mitarbeiter ins Ausland zu senden. Gründe für diese Zurückhaltung könnten zum einen darin liegen, dass der Aufwand, der mit der Organisation von Lernaufenthalten im Ausland verbunden ist, als sehr hoch eingeschätzt wird und dass der Zugang zu geeigneten Anlaufstellen und Informationsquellen schwierig scheint. Tatsächlich hat die Ausrichtung der Programme auf die spezifischen Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen zu Unübersichtlichkeit und einer Vielzahl bürokratischer Regeln geführt. Mit dem "Programm für Lebenslanges Lernen (2007 – 2013)" und den flankierenden europäischen Initiativen wurden jedoch Wege bereitet, Mobilität in Europa Realität werden zu lassen.