
Interview mit Manfred Theunert, BMW AG

Was sagt Manfred Theunert, Leiter der Berufsausbildung am Standort München bei der BMW Group, zu ECVET? Ist das Instrument im deutschen Berufsbildungssystem einsetzbar, würde es bei BMW die Mobilität in der Ausbildung gar unterstützen und erleichtern?
Manfred Theunert beantwortet für ECVET.de acht Fragen zur Praxistauglichkeit des Leistungspunktesystems für die Berufsbildung:
Meine Einstellung gegenüber dem Leistungspunktesystem ECVET ist grundsätzlich positiv! ECVET ist ein Zukunftsthema und enthält eine Menge wichtiger Themen, die unser Bildungssystem verbessern können. Ich denke hier an unterschiedlichste Aspekte: Über eine bessere Transparenz der Lernergebnisse lässt sich die Bildungsqualität weiter erhöhen. In international vernetzten Unternehmen werden durch ECVET Bildungsabschlüsse und die Kompetenzen der Menschen vergleichbar. Über ECVET wird europaweit einerseits die hohe Qualität der Berufsausbildung in Deutschland deutlicher, umgekehrt können wir auf der Grundlage der Vergleichbarkeit von Lernergebnissen auch von anderen Systemen lernen. Wenn wir ECVET in diese Richtungen ausgestalten können, werden wir viele Vorteile von dem System haben.
Ich denke, von den Grundzügen her ist es verständlich und handhabbar. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht aus Gründen vieler Kompromisse zwischen den Beteiligten ein Ungetüm daraus machen. Wenn ich daran denke, von wie vielen Seiten Interessensbekundungen kommen, muss man im Auge behalten, dass wir ein unbürokratisches, handhabbares und nachvollziehbares System brauchen. Diese Chance ist aber gegeben!
Ich denke, dass ECVET sehr wohl eingesetzt würde. Die Fragen sind allerdings auch hier: Wie ist das Instrument konzipiert und inwiefern sind wir bereit, die gängige Praxis auf das neue Instrument abzustimmen? Wenn ECVET zu einem für Unternehmen und Schulen praktikablen Instrument ausgestaltet wird und wir mit unserem Dualen System auch einen Schritt auf ECVET zu machen, dann verspreche ich sehr wohl eine Erleichterung und Verbesserung der Mobilitätsmaßnahmen in der Ausbildung. Wenn wir aber sagen, es ist ja ganz nett, was die Europäer da machen, uns betrifft es aber eigentlich nicht, dann haben wir gegenüber der bisherigen Situation natürlich nichts erreicht. Es wird auch darauf ankommen, welchen Mut wir haben, unser eigenes System zu überdenken.
Vor allem erkenne ich hier keinen Widerspruch im Sinne von «entweder/oder»! Gerade das Duale System bietet sich für die Orientierung an outcomes an, weil es ja ohnehin schon auf Handlungskompetenz ausgerichtet ist. Man könnte fast sagen: Wenn dieser Anstoß nicht aus Europa gekommen wäre, hätte man ihn auf der Grundlage des Dualen Systems entwickeln können und müssen.
Grundsätzlich meine ich, dass die outcome-Orientierung ein sehr guter Weg ist, da sie der Transparenz der Lernergebnisse dient, und zwar der Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Ergebnissen der Berufsausbildung. Auf die kommt es uns hier an! Der Ansatz spiegelt jungen Menschen sehr gut wider, wo sie in ihrer persönlichen Entwicklung stehen. Und die Orientierung an outcomes verbietet es ja nicht, am Ende eines Prozesses oder Prozessschritts mit einer Aufgabe nochmals nachzuvollziehen, ob der junge Mensch diesen Prozessschritt verstanden hat und ob er in der Lage ist, seine erworbenen Kompetenzen in eine ganzheitliche Aufgabe einzubringen. Insofern sehe ich viele Anknüpfungspunkte, outcome-Orientierung und ganzheitliche Berufsausbildung aneinander heranzuführen!
Hindernisse werden daraus entstehen, dass wir es in der deutschen Kultur der Berufsausbildung nicht gewohnt sind, im Sinne von «Units» zu denken. Es wird von den Akteuren, die in der Berufsausbildung tätig sind, Einwände geben, die aus meiner Sicht zum Teil auch nachvollziehbar sind. Man wird darauf pochen, dass die Stärke unserer Berufsausbildung – und das stimmt ja auch – das Thema Ganzheitlichkeit ist. Der Vorteil des Dualen Systems ist es, dass wir einen qualifizierten Facharbeiter ausbilden! Aber ich habe ja schon darauf hingewiesen: Das eine schließt das andere nicht aus! Und mit der Idee der «Units» würden wir den jungen Menschen mehr Sicherheit darüber geben, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Das schafft eine ganz andere Bereitschaft und Motivation, Dinge anzunehmen und weiter voranzutreiben. Ich denke dabei auch nicht nur an fachliche Aspekte, sondern auch an so entscheidende Faktoren wie etwa Selbstbewusstsein! Und eine kontinuierliche Rückmeldung zu ihrem Leistungsstand im Verlauf der Ausbildung gibt den Azubis Sicherheit und fördert ihr Selbstbewusstsein!
Wie bereits angedeutet: Es müsste sich in unserer Denkweise etwas verändern. Darüber hinaus muss die Implementierung des Systems vor allem politisch und inhaltlich gut vorbereitet sein, da wir eine veränderte Systematik unseres Prüfungswesens benötigen würden. Es würden dann diejenigen prüfen, die am meisten von der Sache verstehen. Das sind die Ausbilder vor Ort! Wir sollten den Mut haben, uns mit dieser Thematik näher zu beschäftigen.
Ich würde sagen: In jedem Fall brauchen wir dazu Partner, die zu auch Veränderungen bereit sind. Das ist die IHK, das sind die Gewerkschaften, das ist PAL, das sind die Berufsschulen und das sind die Ausbilder. Alle müssen sich in einen Veränderungsprozess begeben und diesen auch wollen. Für den Erfolg des Prozesses ist vor allem eines wichtig: Beharrlichkeit und Mut beweisen, denn es wird der Weg der Zukunft sein! Durch ECVET kann es uns gelingen, in unserem Dualen System größere Lernanreize zu schaffen, da die Ausbildung nicht mehr so stark über den Faktor Zeit definiert wäre. Der Auszubildende kann gegenwärtig nach maximal drei Jahren bzw. dreieinhalb Jahren seinen Beruf abschließen. Aber derjenige, der in der Lage ist, schneller zu lernen und in seinem persönlichen Lernerfolg voranzukommen, der kann auf der Grundlage von ECVET sein Ziel auch schneller erreichen. Risiken und Hindernisse auf diesem Weg dürfen dabei nicht verschwiegen werden, sondern müssen offen und konstruktiv diskutiert und schließlich auch gelöst werden. Vor allem aber müssen der Wert und die Vorteile des Instruments – und das ist die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Implementierung – allen Beteiligten bekannt gemacht werden.
Wir bedanken uns für das Gespräch!
Das Interview (als PDF-Datei, 128KB)