
Um Vergleichbarkeit der Ergebnisse beruflichen Lernens über die Grenzen von Institutionen hinweg sicherzustellen, ist eine „gemeinsame Sprache“ erforderlich. Verschiedenste Anstöße hierzu wurden in den letzten Jahren auf europäischer Ebene gegeben. Seinen Grund hatte dies nicht zuletzt in Besonderheiten des Agierens europäischer Institutionen im Bildungsbereich: Es gilt das Prinzip der Subsidiarität europäischer Berufsbildungspolitik. Vor diesem Hintergrund ging es vor allem um Fragen der Förderung grenzüberschreitender Mobilität. Ein Schwerpunkt der Tätigkeit lag daher auf der Entwicklung von Instrumenten der Kommunikation von Bildungsinstitutionen über Systemgrenzen hinweg. Die Diskussion um neue, kompetenzorientierte Zertifizierungsansätze hat durch die in diesem Zusammenhang initiierten Arbeiten über den Entstehungszusammenhang hinaus bedeutend an Schwung gewonnen.
2002 haben 31 Minister der EU in Kopenhagen eine Erklärung verabschiedet, in der eine ver-stärkte Zusammenarbeit auch in der beruflichen Bildung gefordert wurde. Auch hier geht es um Transparenz, Information und Orientierung, Anerkennung von Fähigkeiten und Qualifikationen, ergänzt um Maßnahmen der Qualitätssicherung. Auf diese Weise soll die Grundlage für eine Strategie lebenslangen Lernens und damit eine elementare Voraussetzung sowohl für mehr sozialen Zusammenhalt in der Gemeinschaft als auch für deren globale Wettbewerbsfähigkeit geschaffen werden.
Bei der Entwicklung eines Credit-Systems für die berufliche Bildung (ECVET) mussten neue Wege gegangen werden, ist doch die Bandbreite der Zielsetzungen, Ausbildungsformate, Akteurskonstellationen und Zertifizierungsformen deutlich größer als im Hochschulbereich. Die Aufgabe des ECVET ist es, einen konkreten Beitrag zur Förderung des lebenslangen Lernens zu leisten. Es handelt sich darum, die Mobilität von Personen auf ihrem Bildungs- und Berufsbildungsweg zu erleichtern – zunächst zwischen verschiedenen nationalen Systemen, dann aber auch, in Ländern, in denen dies politisch gewollt wird, innerhalb der verschiedenen nationalen Systeme.
Als bedeutendes Mobilitätshindernis auf der Ebene der Bildungssysteme hatte sich die fehlende Möglichkeit erwiesen, Lernergebnisse aus einem Lernkontext in einen anderen so zu übertragen, dass eine Auslandsphase als integraler Bestandteil in Ausbildungsprogramme eingehen kann. Um über Länder- und Programmgrenzen hinweg das hierfür erforderliche wechselseitige Vertrauen herstellen zu können, war eine ‚systemneutrale’ Sprache zu schaffen.
ECVET soll in der Lage sein, alle möglichen Bildungsformen zu integrieren, also zur Beschreibung der Ergebnisse formalen, nicht-formalen und informellen Lernens herangezogen werden können, auch wenn zunächst vorrangig auf die formalen Systeme der Berufsbildung fokussiert wird. Es soll schließlich die Entwicklung jedes Einzelnen und seiner Beschäftigungsfähigkeit fördern, indem es Transparenz, Vergleichbarkeit, Transferierbarkeit und wechselseitige Anerkennung von beruflichen Qualifikationen und Kompetenzen auf verschiedenen Niveaus fördert.
Dass das Mobilitätsinstrument ECVET aufgrund seiner Konstruktionsprinzipien auch für Berufsbildungsreformen auf nationaler Ebene nutzbar ist und von zahlreichen europäischen Berufsbildungsexperten tatsächlich so wahrgenommen wird, zählt zu den zentralen Ergebnissen der Studie „ECVET reflector“. Auch deutsche Ausbildungsverantwortliche sehen eine Doppelfunktion: Die Nutzung von ECVET könne der Mobilitätsförderung ebenso dienen wie einer Steigerung der Flexibilität innerhalb des (nationalen) Berufsbildungssystems. Neben dem reinen „cross-border approach“, der im europäischen Rahmen eher eine Minderheitsposition darstellt, steht damit der „reform approach“, der den Aspekt der Mobilitätsförderung in Europa ergänzt um nationale Innovationen: die Schaffung von mehr Flexibilität und Durchlässigkeit in der beruflichen Bildung und eine systematische Stärkung des lebenslangen Lernens.
Die nachstehende Tabelle stellt die beiden Ansätze einander gegenüber. Dabei wird auf die Kategorien zurückgegriffen, die Rogers für die Analyse von Prozessen der Innovationsadaption und diffusion entwickelt hat.
Faktoren der Innovationsdiffusion in Bezug auf ECVET
| Zugang/Merkmal | I Transnationale Mobilität im Vordergrund |
II Mobilitätsförderung + Berufsbildungsreform |
| 1. Relativer Vorteil | Mobilitätsphasen können bei geringem Aufwand in Ausbildungsgänge integriert werden. | Vertikale und horizontale Durchlässigkeit werden gesteigert, Möglichkeiten von Transfer und Akkumulation erweitert. Berufsbildung als Element im Gesamtsystem lebenslangen Lernens. |
| 2. Kompatibilität |
Systemische Anschlussfähigkeit durch programmunabhängige Beschreibung von Lernergebnissen:
ECVET als Transparenzinstrument, das das Berufsbildungssystem in seiner Substanz unberührt lässt. |
Fokussierung auf learning outcomes als leitendes Motiv der Innovation im System: Kompatibilität durch Synergien zwischen ECVET und nationalen Reformbestrebungen. |
| 3. Komplexität | ECVET als dem nationalen Berufsbildungssystem „exterritoriales“ Instrumentarium, das sehr genau darauf begutachtet wird, ob sich sein Einsatz zu kompliziert und aufwändig gestaltet. | Die Verfügbarkeit eines national und europaweit einsetzbaren Instruments stellt sich als komplexitätsmindernd dar: Synergien zwischen ECVET und natio-nalen Entwicklungen. |
| 4. Erprobbarkeit | ECVET kann im Rahmen von Mobilitätsprojekten z.B. des Leonardo-Programms in einem klar abgegrenzten Bereich erprobt werden. | Eine Abgegrenztheit von Erprobungen gegen das Gesamtsystem der nationalen Berufsbildung ist nicht gegeben und politisch auch nicht gewollt. Ggf. Identifikation geeigneter Bereiche für Modellprojekte erforderlich. |
| 5. Beobachtbarkeit |
Mögliche Indikatoren:
• Verlauf von Mobilitätsprojekten in der Ausbildung, • veränderter Status von Mobilitätsphasen innerhalb einer Ausbildung, • Erhöhung der Mobilitätsrate. |
Beobachtbarkeit der Ergebnisse ist gegeben (z.B. Entwicklung der Durchlässigkeit im System). Sie lässt sich durch klare Kommunikation der verfolgten Ziele, durch Definition von Erfolgskriterien und die Einrichtung eines systematischen Monitoring deutlich steigern. |
Quelle: in Anlehnung an Fietz, G./Le Mouillour, I./Reglin, Th.: Implementierung und Entwicklung eines Leistungspunkte-Systems für die berufliche Erstausbildung. Ergebnisse der ECVET-reflector-Studie, Nürnberg 2007